Was wir von Abraham Lincoln lernen

5 Rhetorik Regeln am Beispiel von Abraham Lincoln

Steven Spielbergs aktueller Film “Lincoln” über die letzten Lebensmonate des legendären US-Präsidenten und Sklaverei-Gegners ist nicht nur ein Muss für alle Politikinteressierten. Es ist auch das Porträt eines genialen und mit beeindruckender rhetorischer Intuition ausgestatteten Vortragenden, der sich vor allem durch die Kürze seiner Reden und die faszinierende Ausgewogenheit von Emotion und intellektuellem Anspruch auszeichnete. Ein unvergessliches, zur Legende gewordenes Beispiel für diese Talente ist seine berühmte Gettysburg-Ansprache, die bis heute nichts von ihrer Strahlkraft im Hinblick auf ihre rhetorische Wirkung eingebüßt hat. Eine Analyse dieser Rede im Hinblick auf nach wie vor zum Vorbild gereichende Vortragsregeln lässt fünf Elemente besonders hervor treten.

Außerdem ist diese Rede ein hervorragendes Beispiel für die Macht der Worte. James McPhearson, der wahrscheinlich berühmteste Forscher des Bürgerkrieges hat geschrieben, Lincoln habe den Krieg mit seiner Sprache gewonnen. Hier nun 5 der wesentlichen Elemente:

1.Gemeinsame Überzeugungen

Einer der intelligentesten Wege, sich schnell und nachhaltig das Vertrauen des Publikums zu sichern, ist die Etablierung gemeinsamer Referenzpunkte. Anders formuliert: Die Zuhörer werden dort abgeholt, wo sie sich gerade mental und ideologisch befinden, in dem der Vortragende sich auf die fundamentalsten Glaubensgrundsätze und Wertvorstellungen des Publikums beruft und dann glaubhaft darlegen kann, dass seine eigenen Überzeugungen sich aus denselben Quellen speisen. Lincoln tut dies bereits im ersten Satz auf die überzeugend möglichste Art und Weise, wenn er sich sowohl auf die Bibel als auch auf die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten bezieht, auf die beiden literarischen Pfeiler der gesamten Nation also – und damit auch die seines Publikums.

2.Rethorikklassiker sind nicht umsonst “Klassiker”

Lincoln nutzt keine komplizierten, strategisch ausgefeilten Vortragstechniken, um sein Publikum zu erreichen. Stattdessen verlässt er sich auf Mittel, die schon die Griechen in ihren Rethorikkursen lehrten – weil sie funktionieren, weil das menschliche Denken darauf ausgelegt ist, positiv auf sie zu reagieren. Zwei Beispiele hierfür sind zum einen die berühmten Triade, also der semantische Dreiklang, wie etwa in der Beschreibung “die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk” – ein Ausdruck, der nicht umsonst weltberühmt und tausendfach zitiert ist. Zum anderen nutzt Lincoln das Mittel des Kontrasts, wenn er etwa sagt “…all denen, die ihr Leben dafür gaben, dass die Nation überleben kann”. Entscheidend dabei ist die lyrische, aphoristische Qualität der sich aus den klassischen Elementen entwickelnden Sätze. Diese funktionieren bei jedem Publikum, durch schiere Eleganz und Offensichtlichkeit.

3.Wiederholen.Wiederholen.Wiederholen

Es könnte nicht einfacher aber auch kaum wirkungsvoller sein, zu Lincolns Zeiten so wenig wie heute: Die Wiederholung einzelner, für die Botschaft essenzieller Worte in kurzen Abständen. Lincoln wiederholt die Begriffe, von denen er sich die zusammenschweißendste, patriotischste Wirkung erhofft, bis zu zehnmal in seiner ansonsten kurzen Rede von nur 271 Worten: “wir”, “hier”, “weihen” beziehungsweise “widmen” und “Nation”. Es erscheint artifiziell, aber mit der richtigen inneren Überzeugung transportiert, funktioniert es jedes Mal. Wichtig dabei ist, sich beim Verfassen des Vortrags eindeutig darüber bewusst zu sein, was die zentralen Begriffe der zentralen Aussage sind.

4.Temporärer Spannungsbogen

Eine chronologische Zeitreise eignet sich wunderbar, um seine Zuhörer “mitzunehmen” und die Konzentration zu erhalten. Lincoln durchwandert in seiner kurzen Ansprache drei Zeitzonen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Konzept der so als zeitlos dargestellten “Nation” stellt das Bindeglied zwischen diesen Zonen dar. Dieses chronologische Vorgehen entspricht auch der natürlichen Denkrichtung des Menschen: Beginnen Sie mit einer Darstellung der Ursprünge, Beweggründe oder Ausgangspunkte des Status Quo. Beschreiben Sie anschließend den Ist-Zustand und die Herausforderung, die er darstellt. Entwerfen Sie dann die Zukunft, in der sich die Zuhörer dieser Herausforderung erfolgreich gestellt haben.

5.Call-to-Action / Schlussapell

Fast könnte man sagen, Lincoln hätte in der Gettysburg Ansprache den Call-to-Action erfunden. Der Hauptbestandteil war eine klare Handlungsaufforderung: „auf dass wir hier einen heiligen Eid schwören, dass diese Toten nicht vergebens gefallen sein mögen“. Der Schluss ist Ihre große Chance. Verschenken Sie diese Gelegenheit nicht. Natürlich dürfen Sie sich gerne für die Aufmerksamkeit bedanken und auch eine kurze Zusammenfassung ist nicht verkehrt. Doch das wichtigste Element eines starken Schluss – und gleichzeitig der Teil der am häufigsten vergessen wird – ist ein klarer Schlussapell oder eine deutliche Handlungsaufforderung. Was erwarten Sie als Redner vom Publikum? Was soll Ihr Publikum jetzt tun? JETZT ist genau die richtige Zeit das auf den Punkt zu bringen. Formulieren Sie Ihren Handlungsaufruf genauso klar und deutlich wie Abraham Lincoln es getan hat – und als allerletztes.

Wie war denn die Reaktion auf die Rede? Zunächst war die Reaktion eher verhalten bis negativ. Nicht lange danach allerdings änderte sich die Bewertung. Die „Chicago Tribune“ war wohl eine der ersten Zeitungen, die voraussagte, dass die Rede in die „Annalen der Menschheit eingehen“ werde. Horace Greeley von der „New York Tribune“ bezweifelte, dass unsere Literatur einen feineren Edelstein enthält, als diese kleine Rede. Das mit Abstand höchste Lob allerdings kam von Edward Everett, dem folgender Ausspruch zugeschrieben wird: „Ich wünschte, ich hätte in den zwei Stunden meiner Rede so viel gesagt wie Lincoln in seinen zwei Minuten“.

Fazit: Die Länge einer Rede sagt weder etwas über die Güte noch über die Bedeutung aus. Oder um es mit Martin Luther zu sagen: „Tritt frisch auf, mach’s Maul auf, hör bald auf“.

Und hier für alle historisch Interessierte der Wortlaut der berühmten Gettysburg Rede in der deutschen Übersetzung. Die Quelle dafür ist Wikipedia:

„Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, um zu erproben, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft bestehen kann. Wir haben uns auf einem großen Schlachtfeld dieses Krieges versammelt. Wir sind gekommen, einen Teil dieses Feldes jenen als letzte Ruhestätte zu weihen, die hier ihr Leben gaben, damit diese Nation leben möge. Es ist nur recht und billig, dass wir dies tun. Doch in einem höheren Sinne können wir diesen Boden nicht weihen – können wir ihn nicht segnen – können wir ihn nicht heiligen. Die tapferen Männer, Lebende wie Tote, die hier kämpften, haben ihn weit mehr geweiht, als dass unsere schwachen Kräfte dem etwas hinzufügen oder etwas davon wegnehmen könnten. Die Welt wird wenig Notiz davon nehmen, noch sich lange an das erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier taten. Es ist vielmehr an uns, den Lebenden, dem großen Werk geweiht zu werden, das diejenigen, die hier kämpften, so weit und so edelmütig vorangebracht haben. Es ist vielmehr an uns, geweiht zu werden der großen Aufgabe, die noch vor uns liegt – auf dass uns die edlen Toten mit wachsender Hingabe erfüllen für die Sache, der sie das höchste Maß an Hingabe erwiesen haben – auf dass wir hier einen heiligen Eid schwören, dass diese Toten nicht vergebens gefallen sein mögen – auf dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben – und auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge.“

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