Was moderne Redner von Martin Luther King lernen können

Was unterscheidet heutige Politiker von dem Charismatiker Martin Luther King? Was können wir als Redner von ihm lernen?

Die Macht der Visionen

Nur Weniges hat sich wohl so sehr ins kollektive Gedächtnis eingeprägt, wie die Rede von Martin Luther King, die er am 28. August 1963 hielt: „I have a dream…“. Es war eine flammende Rede, eine mitreißende Rede. Man kann getrost sagen, dass Sie die Welt verändert hat, ganz sicher aber Amerika. Danach brannte die Nation. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was viele nicht wissen: Gerade diese 4 berühmt gewordenen Worte waren vorher von einem Berater aus dem Redemanuskript gestrichen worden. Man hielt sie für abgedroschen. Doch Martin Luther King hielt sich nicht an das Manuskript. Er legte das Manuskript zur Seite und sprach frei und aus seinem tiefsten Herzen über etwas was ihn antrieb, was ihn bewegte und wovon er zutiefst überzeugt war und schaffte damit tatsächlich den Beginn eine weltweiten Veränderung.

Wenn Sie heute den Fernseher anmachen, und auf den Kanal schalten, auf dem die Reden aus dem Bundestag übertragen werden, werden Ihnen, selbst wenn Sie sonst ein geduldiger und aufmerksamer Zuhörer sind, nach spätestens zehn Minuten die Augen schwer werden. Und das, obwohl sich eine Vielzahl von Politikern dort bemühen, bewegende Reden zu halten, einander rednerisch zu überzeugen – und obwohl viele von ihnen durchaus eine umfassende Redeausbildung hatten. Warum ist das so? Was machen sie falsch? Warum ist das so lahm? Wo liegt der Unterschied zur Rede von Martin Luther King in diesem Jahr 1963?

Es fehlt die wahre Vision.

Martin Luther King hat das ganz in den Anfang seiner Rede gepackt: „I have a dream…“. Und er hatte tatsächlich einen Traum, einen Lebenstraum. Er brannte dafür, er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass endlich eine Gesellschaft Realität würde, in der Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe die gleichen Rechte haben. Und er stand mit seinem ganzen Leben für diesen Traum, er hat wirklich alles dafür getan. Die Szenen im Bundestag sind dagegen nur Gezänk und Geplänkel, mit minimaler emotionaler Beteiligung, insbesondere von den Vortragenden selbst. Die meisten Wähler haben heute den Eindruck, dass im Zweifel das Amt, die Macht oder das Einkommen wichtiger sind als bestimmte Positionen – jeden Falls bei den meisten Politikern. Nichts oder wenig von tatsächlich echtem Belang. Scheingefechte, müde und lustlos ausgetragen. Nur ganz, ganz selten findet man da die leise Spur einer vielleicht möglichen Ausnahme.

Was ist eine Vision?

Das ist sicherlich die entscheidende Frage und gleichzeitig schwer zu beantworten. Eine Vision ist etwas, das erreichbar ist, und dennoch erst erreicht werden muss oder kann, durch aktive Leistung. Es ist aber auch etwas, das über persönlichem Vorteil und Eigennutz steht – es ist etwas Größeres. Und weil es eben über dem üblichen menschlichen egoistischen Kleinkram steht, ist es unbestreitbar. Und wahr. Dass eine Vision auch etwas sein muss, das tatsächlich Belang hat, versteht sich damit von selbst. Damit es wahrhaftig, glaubwürdig und vor allem mitreißend ist, muss die Vision allerdings auch zu Ihnen als Redner / Rednerin und zu Ihnen als Person, zu Ihrem Lebenslauf passen, zu Ihren bisherigen Positionen. Bestes Beispiel im Bundestagswahlkampf 2013 musste Steinbrück Positionen, die er vorher im Rahmen der Agenda 2010 vertreten hatte, nun schlecht finden und für das Gegenteil stehen. Das bereitete ihm sichtbar Mühe und erzeugte bei einem Großteil der Beobachter Kopfschütteln und Unglaube. Und noch etwas ist wichtig: Die Kraft, die diese Vision entfalten kann muss als erstes bei mir als Redner spürbar sein. Diese Vision muss mich so sehr antreiben, dass ich bereit bin mich dafür weit aus dem Fenster zu lehnen, dass ich alles tue um andere zu überzeugen auch wenn das manchmal schwer, vielleicht sogar unangenehm sein mag. Ja, das ist nicht ganz einfach, gelingt es aber, ein solches Thema zu „besetzen“, dann kann diese extreme Überzeugung verbunden mit einem wertvollen Ziel unglaubliche Kraft entfalten und dadurch eine echte, nachhaltige Veränderung bewirken. Der schöne Nebeneffekt: Sie sind dann untrennbar mit dieser positiven Veränderung verbunden und erreichen den Status eines Charismatiker oder Visionär. Schöne Vorstellung, nicht wahr?

Das Streichholz, die Flamme und die Kerzen

„Ich träume davon, dass ich ein Buch auf den Markt bringe, das alle Menschen zu unglaublich guten Rednern macht…“. Das reißt Sie jetzt nicht vom Hocker? Sie hüpfen noch nicht auf Ihrem Stuhl? Warum wohl?

„Mein Traum ist, dass wir beide heute hinausgehen, dass ich mich neben Sie stelle, und Sie anfangen, eine Rede zu halten, die in Deutschland den ganzen Schmutz und Filz hinwegspült, dass die Menschen Ihnen zuhören, und mit einem Mal aufhören, ihren egoistischen Kleinkram zu verfolgen, und endlich wieder zu freudigen, großzügigen und füreinander rückhaltlos eintretenden Menschen werden. Weil ich weiß, dass Sie das können, allein mit ihren Worten, und weil ich weiß, dass die Welt Sie braucht, und Ihre Stimme, Ihre Worte…“ Besser? Was ist anders?

Sie werden aber auch im zweiten Beispiel bemerken, dass da noch immer kein Feuer brennt – gut, weil ich Ihnen zwar wünsche, dass Sie ein guter Redner oder eine gute Rednerin werden, die die Welt zum Besseren verändert, und weil ich das auch der Welt wünsche – aber es erfüllt mich nicht so brennend, dass es mich verzehrt. Das wirkliche Feuer fehlt noch.

Wenn Sie etwas anzünden wollen, brauchen Sie ein Streichholz. Und zwar eines, das auch brennt. Sie selbst müssen dieses Streichholz sein. Und zwar ein flammendes. Mit einem kümmerlichen, mageren Hölzchen allein können Sie nichts anzünden. Dann kommen Sie höchstens ständig vom Hölzchen aufs müde klappernde Stöckchen, wie so viele unserer hoch geschätzten Politiker.

Und natürlich muss etwas da sein, was Sie anzünden können. Die Menschen müssen auch die Kerzen hochhalten, damit Sie etwas anzuzünden haben. Es muss eine Bereitschaft da sein. Es muss Ihre Zuhörer betreffen, Belang haben für sie. Über die banalen menschlichen Eitelkeiten hinaus reichen.
Luft kann man nicht anzünden. Aber das wissen Sie ja sicherlich.

Nichts ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Merken Sie sich diesen Satz. Er ist enorm wichtig. Er muss Ihre Leitlinie sein, in Zukunft. Jedes einzelne Wort. Visionen, die mitreißen sind allein die Visionen, die schon fast wahr sind. Die schon fast Wirklichkeit und Realität sind. Es bedarf nur noch einer letzten Anstrengung, einer letzten Erkenntnis, eines letzten Tuns der Menschen. Und zwar aller gemeinsam, in Tateinheit. Nur dann funktioniert das. Andernfalls verheizen Sie nur Ihr Streichholz. Und brennen aus. Das nennt man dann Burnout.

Fakes funktionieren nicht

Echte Leidenschaft kann man nicht faken. Wenn Sie nicht ein professioneller Schauspieler mit viel Übung sind, würden Sie es nie schaffen, dass Ihnen Ihre Zuhörer das auch nur ein bisschen abnehmen.

Echte Leidenschaft bedingt Ehrlichkeit, und ein echtes Interesse an etwas, das größer ist, als Ihr Ego und Ihr persönlicher Vorteil. Sonst kriegen Sie die Kerzen nie angezündet. Nicht ein bisschen. Oder Sie verlöschen sehr schnell wieder, wenn die Wirkung der Manipulation vorbei ist. Meist innerhalb einer Viertelstunde.

Nur wenn Sie selbst aus tiefster innerer Überzeugung für etwas brennen, werden Sie dieses Feuer weitergeben können. Manche sagen, alles andere ist es sowieso nicht wert, sich auf die Rednerbühne zu schwingen – aber das ist natürlich eine Anschauungssache. Wie weit das für Sie stimmt, müssen Sie selbst herausfinden.

Aber an den physikalischen Gesetzen über Feuer und Streichhölzer ist nicht zu rütteln. Die gelten, dessen ungeachtet. Also – wofür brennen Sie?

Schon gelesen?

Martin Luther Kings „I have a dream“ –…
Charisma – 5 Tipps für mehr Ausstrahlung.
Logos, Ethos, Pathos am Beispiel von Martin Luther Kings…