Martin Luther Kings „I have a dream“ – Vorbild für moderne Reden

Hätten Sie gerne eine ähnliche Wirkung bei Ihrer nächsten Rede, wie die berühmte „I have a dream“ Rede von Martin Luther King? Hier die Analyse.

„I have a dream today.“

Dieser unscheinbare Satz ging in die Geschichte ein, und sollte zugleich die Zukunft einer ganzen Nation maßgeblich beeinflussen. Das Zitat stammt aus der berühmten Rede Martin Luther Kings, in der er 1963 in Washington auf die tief in der Gesellschaft verwurzelte Diskriminierung von Schwarzen aufmerksam machte und sich für deren Rechte einsetzte. Mehr als 50 Jahre später gilt die Rede unter Experten immer noch als rhetorische Meisterleistung, an der sich viele moderne Redner orientieren können. Um nachvollziehen zu können, warum Martin Luther King die Menschen mit seinen Ausführungen derart in seinen Bann ziehen konnte, müssen sowohl der Anlass, der Aufbau und die rhetorischen Mittel berücksichtigt und genauer analysiert werden.

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Eine Rede kann nie isoliert von ihrem Kontext bewertet werden

Jede gute Rede besteht aus vielen kleinen Puzzleteilen, die sich zu einem Gesamtkonzept zusammensetzen. Dieses Konzept ist im Idealfall gut durchdacht und kalkuliert auch die Erwartungshaltung der Zuhörer mit ein. Daraus folgt, ein gut vorbereiteter Redner wird immer ein klares Ziel vor Augen haben sowie eine durchdachte Strategie, wie er dieses Ziel erreichen möchte. Weder der Redner noch der Ort, an dem die Rede gehalten wird, ist zufällig ausgewählt. King hielt seine Rede in der US-amerikanischen Hauptstadt direkt vor dem Denkmal von Abraham Lincoln, der als Initiator für die Befreiung der Sklaven galt. Allein diese Tatsache hatte für viele Zuhörer Kings eine große Symbolkraft.

Zudem konnte King darauf bauen, dass Thema und Anlass der Rede nicht nur den Nerv der Zeit treffen würden, sondern für alle farbigen US-Bürger ein zentrales Anliegen beinhalteten: Freiheit und Gleichstellung. Auch das große Medienecho war King willkommen, weil sein Anliegen so von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Dieses hochemotionale Szenario trug nicht wenig zum Erfolg Kings bei.

Heutige Redner sollten sich diesen Effekt zu Nutze machen und wenn möglich ein Thema wählen, welches die Zielgruppe nicht nur rational, sondern auch emotional anspricht. Argumente sind ein wichtiger Bestandteil jeder Rede, aber es reicht nicht, an den Verstand allein zu appellieren. Wichtig ist außerdem, einen Sachverhalt nicht abstrakt zu beschreiben, sondern Beispiele zu nutzen, die der Zuhörer nachvollziehen kann. Dieser Teil – Emotionen zeigen und Emotionen bei den Zuhörern auslösen – entscheidet darüber, ob das Ziel erreicht wird. Daher sollte diesem Bereich besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wie lassen sich passende Emotionen auslösen? Vor allem starke Bilder, gute Geschichten, die mit dem Leben der Zuhörer zu tun haben, Beispiele, Veranschaulichungen, Musik und bewegte Bilder haben meist den gewünschten Effekt. Wichtig dabei ist, die entstehenden Emotionen mit dem dazu passenden Argument zu verknüpfen, dadurch entsteht die stärkste und am längsten anhaltende Überzeugungskraft.

Sprachliche Bilder erzeugen Emotionen

Die gerade angesprochenen emotionalen Reaktionen weckte King auch durch seine bildhafte Sprache, die fast schon lyrische Formen annahm. Seine Rede ist an vielen Stellen ähnlich aufgebaut wie ein Gedicht oder ein religiöses Lied. Zu diesem hymnenhaften Konstrukt passen auch die vielen Anaphern, die King verwendete. Allein den Kernsatz „I have a dream“ erwähnte er neun mal – noch prägnanter herausgearbeitet hätte dieser nicht sein können. Die Rede wird daher häufig mit einer Predigt verglichen, was die Eingängigkeit angeht.

Übrigens ist die Anapher eines der wirksamsten rhetorischen Stilmittel überhaupt, auch und besonders geeignet für aktuelle Reden. Es handelt sich hier um eine mehrfache Wiederholung immer derselben Wortgruppe, richtig eingesetzt erreicht man damit eine deutliche Verstärkung und im besten Fall entsteht sogar ein gewisser Rhythmus, so wird die Haupt-Botschaft immer wieder eingeschärft und vertieft. Viele bekannte Schriftsteller und Literaten verwenden dieses Stilmittel in ihren Werken, so zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe, auch viele bekannte Redner verwenden dieses Stilmittel. Der Grund ist sehr einfach, der einfache Einsatz und die große Wirkung.

Die Struktur des Textes ergänzte King inhaltlich durch mehrere passende Bibelzitate, die seine Thesen untermauern sollten. Welche Argumentationsgrundlage konnte besser geeignet sein als die Heilige Schrift, wenn wie King man zu gläubigen Christen sprach?

Inhalt und Form einer Rede bilden eine harmonische und homogene Einheit.

In einer guten Rede passen also Inhalt und äußere Form zusammen und ergänzen sich. Eine bildhafte Sprache weckt Emotionen und fesselt die Zuhörer, weil diese sich eine bestimmte Situation oder ein Phänomen besser vorstellen können. Häufige Wiederholungen stellen sicher, dass jeder Zuhörer den Argumenten folgen kann und die Botschaft klar ersichtlich ist.

Zusätzlich kann es Sinn machen, aus Quellen zu zitieren, die von den Zuhörern als verlässlich und richtungsweisend wahrgenommen werden oder von einer moralisch von allen Zweifeln erhabenen Instanz stammen. So kann sich die Zielgruppe besser mit den Argumenten des Redners identifizieren. Natürlich macht es bei wirtschaftlichen oder politischen Themen heute wenig Sinn, aus der Bibel zu zitieren. Je nach Anlass der Rede lässt sich aber meist eine Argumentationsgrundlage finden, die für die jeweilige Zielgruppe eine wichtige Relevanz hat und sie daher auf der rationalen und auf der emotionalen Ebene gleichermaßen anspricht.

Ein guter Redner arbeitet mit Assoziationen.

Neben der bildlichen Sprache nutzt King in seiner Rede die Kraft von Assoziationen, um seine Zuhörer zu begeistern und für sein Thema zu sensibilisieren. Mit dem „Traum“, den er immer wieder anspricht, ist auch der „American Dream“ gemeint, der sich für die meisten Farbigen in den 60er Jahren jedoch nie erfüllen konnte, weil sie weniger Rechte besaßen als die weißen Bürger und unter der massiven sozialen Ausgrenzung litten.

Es macht für Redner also Sinn, mithilfe gezielt eingesetzter sprachlicher Impulse Assoziationen, Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen anzusprechen und dazu passende Emotionen auslösen.

Keine Rede ist in Stein gemeißelt, bevor das letzte Wort gesprochen ist.

Martin Luther King bereitete seine Rede akribisch vor und nutzte sein Charisma, um die Menschen für sich einzunehmen. Trotzdem war er flexibel genug um zu erkennen, wann es an der Zeit war zu improvisieren.

Den letzten Teil der Rede trug er frei und spontan vor, als er gebeten wurde von seinem „Traum“ zu berichten. Auswendig gelernte Worte hätten seine Zuhörer vielleicht nie so stark erreicht, wie es sein spontanes Schlussplädoyer über seinen Traum von einer besseren Welt tat. Ein guter Redner muss also in der Lage sein, die Bedürfnisse seiner Zuhörer wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Wer sich sklavisch an seinen Text klammert, wirkt nicht souverän und verspielt viele Sympathien.

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